Totholz und alte Bäume  >  Umsetzung in der Praxis  >  Totholzmanagement im Kanton ... PRINT de | fr

Risikomanagement bei der Förderung von Totholz: Beispiel Kanton Aargau

liegendes Totholz
Liegendes Totholz im Naturwaldreservat Roggwil, Murgenthal. Foto: Abteilung Wald AG
 
stehendes Totholz
Stehendes Totholz im Buechwald Küttigen.
Foto: Barbara Colucci

Der Aargauer Wald

Auf der Website des Kantons finden Sie umfangreiche Informationen zum Aargauer Wald. Die Themenvielfalt ist gross: kantonales Waldrecht, Rodungsbewilligungen, Jungwald-
pflege, Bodenschutz, Erholungsraum, Naturschutz, u.a.

Zusätzlich gibt es Online-Karten zu folgenden Themen: Forstreviere, Pflanzengesellschaften, Waldflächen und Naturwaldreservate.

www.ag.ch/wald

Im Zusammenhang mit Totholz und alten Bäumen ist die Gefährdung von Waldbesuchern ein wichtiges Thema. Dass Sicherheitsaspekte und viel (stehendes) Totholz in der Praxis miteinander vereinbar sind, zeigt der Kanton Aargau.

Interview mit Erwin Städler, Kreisförster Aarau-Kulm-Zofingen

Warum fördert der Kanton Aargau totes Holz im Wald?

Der ökologische Wert von alten Bäumen und Totholz ist unbestritten. Insbesondere für viele holzzersetzende Pilzarten und holzbewohnende Käferarten, aber auch für andere Spezialisten ist ein genügendes Vorkommen von alten, dicken Bäumen und stehendem oder liegendem Totholz überlebenswichtig. Totes Holz ist ein grundlegender Bestandteil eines natürlichen Waldes.

Wie lässt sich die Totholzmenge im Wald erhöhen?

Im stark genutzten Aargauer Wald fehlten bis vor ca. 15 Jahren die natürlichen Alters- und Zerfallsphasen an den meisten Orten. Weil wir in Waldreservaten die natürlichen Alterungs- und Zerfallsprozesse wieder zulassen, nimmt das Totholz langsam aber stetig zu.

Die schweizerische Waldpolitik hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 mindestens 10% der Waldfläche als Reservate ausgewiesen zu haben. Die Umsetzung dieses Ziels ist Sache der Kantone. Mit dem Naturschutzprogramm Wald des Kantons Aargau (1996) sollen bis ins Jahr 2020 ca. 10 Prozent des Waldes nicht mehr forstlich genutzt werden. Die Flächen werden vertraglich gesichert und finanziell entschädigt.

Bis Ende 2011 konnten wir im Kanton Aargau 75 % (=2550 ha) der Naturwaldreservate und Altholzinseln gemäss den Zielen des kantonalen Naturschutzprogramms Wald erfüllen. Im weiteren erhöhen wir den Totholzanteil bei Waldrandaufwertungen (bis 2011 ca. 180 km), in den Eichenwaldreservaten (bis 2011 ca. 1970 ha) und in den Sonderwaldreservaten (bis 2011 ca. 840 ha).

Dank der Bereitschaft der Waldeigentümer, mit dem Kanton Verträge abzuschliessen, ist der Totholzanteil im Aargauer Wald auch schon deutlich gestiegen. Gemäss dem Landesforstinventar 3 (Aufnahmen 2005) weisen die Aargauer Wälder durchschnittlich 15 m3/ha Totholz auf. In den Waldreservaten und Altholzinseln liegt dieser Wert mit durchschnittlich 43 m3/ha dreimal höher.

Gibt es Probleme bezüglich der Sicherheit der Waldbesucher?

Der Aargauer Wald bedeckt ein Drittel der Kantonsfläche und ist ein wichtiger Erholungsraum. Einen beachtlichen Teil der Freizeit verbringt die Bevölkerung im Wald: 80 % der Schweizer Bevölkerung halten sich mehrmals pro Monat im Wald auf. Gemäss einer aktuellen Bevölkerungsumfrage ist die Akzeptanz für Naturschutz im Wald im Kanton Aargau höher als im schweizerischen Mittel.

Im Bereich von Waldstrassen, Erholungseinrichtungen und im Waldrandbereich entlang von Bauzonen bestehen erhöhte Sicherheitsansprüche bezüglich stehenden, toten Bäumen. Grundsätzlich gilt aber die Eigenverantwortung der Waldbesucher, da der Wald nicht als Werk gilt, sondern ein "Naturzustand" ist. Abseits von Waldwegen und in Waldreservaten muss Totholz als Element eines naturnahen Waldes in Kauf genommen werden.

Ergreifen Sie spezielle Massnahmen, um die Gefahr eines Unfalls mit Totholz zu minimieren? Zum Beispiel entlang von beliebten Spazierwegen?

Die Aufsichtspflicht über den Wald liegt bei den Waldeigentümern, respektive den Revierförstern. Stehendes Totholz im Bereich von Verkehrsachsen oder bei starker Erholungsnutzung wird in der Regel gefällt. Sind solche Massnahmen in Waldreservaten/Altholzinseln nötig, findet vorgängig eine Absprache mit dem Kreisförster statt.

Falls es in einem Waldreservat trotzdem zu einem Personenunfall in Zusammenhang mit Totholz kommt: haftet dann der Waldeigentümer oder der Kanton?

Die Haftung ist nicht näher geregelt, da bisher keine Unfälle passiert sind und eine Gerichtspraxis fehlt. Gemäss schweizerischer Waldgesetzgebung besteht keine Bewirtschaftungspflicht für den Wald.


Vielen Dank für das Interview.