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Holznutzung und alte Waldbestände

Sowohl im Urwald als auch im bewirtschafteten Wald sterben die meisten gekeimten Bäume innerhalb weniger Jahre ab, weil der Konkurrenzdruck sehr gross ist oder weil Lichtmangel, Trockenheit, Krankheiten oder Wildverbiss das Aufwachsen verunmöglichen. Nur wenige Bäume überstehen die ersten 10 Jahre, noch weniger schaffen es in die Oberschicht, und nur ein Teil davon erreicht ein hohes Alter. Diejenigen Bäume, die ihr natürliches Alter erreichen, beeinflussen das Waldökosystem aber während Jahrhunderten.

In bewirtschafteten Wäldern werden Bäume in der Regel nach 100 bis 200 Lebensjahren gefällt, sofern sie nicht schon früher im Zuge von Durchforstungen entfernt wurden. Mit der zunehmenden Nachfrage nach Energieholz und nach Stämmen von geringem Durchmesser besteht zudem die Tendenz nach noch kürzeren Umtriebszeiten. Die Holznutzung führt im Allgemeinen zu einem schnelleren Wechsel der Baumgenerationen und zu einer veränderten Walddynamik.

Als Folge fehlt in genutzten Wäldern die Alters- und die Zerfallsphase oft gänzlich, woraus sich logischerweise ein Mangel an "überreifen", alten Bäumen ergibt. Für Tiere und Pflanzen, die auf Altholz angewiesen sind, ist es aber unabdingbar, dass ein Teil des Waldes die Möglichkeit erhält, seinen natürlichen Kreislauf ohne Holznutzung zu vollenden. Damit können die Bäume eines natürlichen Todes sterben und sich im Wald langsam zersetzen.

schematisierter Lebenszyklus einer Eiche
Abildung 1 - Schema des Lebenszyklus einer Eiche: Die grosse Mehrheit der
Bäume wird geerntet, bevor sie 200 Jahre alt sind. Einzig gezielte Massnahmen
können eine Unterbrechung des natürlichen Kreislaufs verhindern, der die
Erhaltung der auf Alt- und Totholz angewiesenen Arten gewährleistet.
(Quelle: Bütler, 2006)
 

Höhere Artenvielfalt dank alten, absterbenden Bäumen

Larve des Hirschkäfers
Die Larve des Hirschkäfers (Lucanus cervus) braucht 5–7 Jahre, um sich in vermoderndem Totholz zu entwickeln. Deshalb muss ein solches Substrat während der ganzen Entwicklungsdauer zwingend vorhanden sein.
Foto: H. Rothacher, Aigle (Wikipedia GNU Free Documentation License)

Im Nutzwald werden die Bäume wenn immer möglich zum wirtschaftlich optimalen Zeitpunkt gefällt. Dieser Zeitpunkt deckt sich leider in keiner Weise mit dem ökologischen Idealzustand hinsichtlich der saproxylischen Arten (Abb. 2). Mit zunehmendem Alter wird ein Baum nämlich interessanter für die Xylobionten, die dort die nötige Ressource Alt- und Totholz finden.

Wenn ein Baum stirbt, ist die Vielfalt an Holzbewohnern am höchsten, weil vielfältige Alterungsmerkmale vorhanden sind: Höhlen, Stammfäulen, Saftabsonderungen, feine Risse, Ablösung der Rinde, Aufkommen von holzabbauenden Pilzen usw. Diese Merkmale, auch "Altholzstrukturen" genannt, sind besondere Mikrohabitate, in denen xylobionte Arten leben, sich ernähren und sich fortpflanzen. Die Erhaltung von Bäumen mit vielen Mikrohabitaten ist daher ein ganz wichtiges Element beim Artenschutz, weil damit die Kontinuität des Habitats für Alt- und Totholzbewohner gewährleistet wird.

Anzahl saproxylischer Arten
Abbildung 2 – Anzahl saproxylischer, auf Altholz
angewiesener Arten: Verhältnis von spezifischem
Artenreichtum und Alter der Bäume. Die Anzahl der
saproxylischen Arten schnellt empor, sobald der Baum
physiologisch alt ist, und erreicht ihr Maximum,
wenn er stirbt. Quelle: Branquart et al. (2005)

Veränderter Kohlenstoffkreislauf

Kohlenstoffsenke (oder CO2-Senke)
natürliches oder künstliches Kohlenstoff-
reservoir, das Kohlenstoff aus der Luft absorbiert und deshalb zur Verminderung der CO2-Menge in der Atmosphäre beiträgt.

Kohlenstoffsequestrierung
Prozess des Entzugs von Kohlenstoff oder CO2 aus der Luft und dessen Speicherung in einer Kohlenstoffsenke.

Mineralisation / Mineralisierung
Abbau organischer Stoffe zu anorganischen Stoffen (vorwiegend durch Mikroorganismen). Die Mineralisierung ist von grosser Bedeutung für die Freisetzung von Haupt- und Spurennährstoffen beim Abbau von organischen Stoffen wie Holz oder Laub.

Humus
Im engeren Sinne der zersetzte organische Anteil im Boden.

Über den Prozess der Photosynthese reichert sich der in der Luft enthaltene Kohlenstoff in der Biomasse eines Baumes an. Die mitteleuropäischen Wälder speichern schätzungsweise 1,4 Tonnen Kohlenstoff pro Hektare und Jahr (Kohlenstoffsequestrierung)! Angesichts der derzeitigen Klimaveränderung gewinnt der Wald als Kohlenstoffsenke an Bedeutung.

Der im Holz enthaltene Kohlenstoff bleibt in nicht bewirtschafteten Wäldern solange eingelagert, bis der Baum auf natürliche Weise stirbt und vermodert. Dabei wird das organische Material (Holz, Rinde, Blätter) einerseits mineralisiert und andererseits vom Boden als Humus aufgenommen.

Im bewirtschafteten Wald verlässt mit dem Abtransport des Holzes auch der darin eingelagerte Kohlenstoff das Waldökosystem. Wenn das Holz im Bauwesen zum Einsatz kommt, so bleibt dieser Kohlenstoff solange im Bauholz eingelagert, bis es verbrannt wird oder es sich auf natürliche Weise zersetzt. Bei der Verbrennung von Holz wird der Kohlenstoff in Form von CO2 in die Atmosphäre freigesetzt. Im Unterschied zur natürlichen Zersetzung gelangt bei der Verbrennung allerdings kein Kohlenstoff direkt in den Boden. Durch die Nutzung des Holzes wird dem Waldökosystem also Kohlenstoff entzogen. Deshalb kann eine intensive Holznutzung über lange Sicht die Fruchtbarkeit des Waldbodens beeinträchtigen. Problematisch ist vor allem die Nutzung von Astreisig, Nadeln und Blättern, weil diese Baumteile hohe Nährstoffgehalte aufweisen (Hässig et al. 2009).

Der Kohlenstoffkreislauf
Abbildung 3 - Der Kohlenstoffkreislauf. Bei der Nutzung eines Baumes wird der im
Holz enthaltene Kohlenstoff dem Waldökosystem entnommen. Zersetzt sich der Baum
vor Ort, wird ein Teil des darin enthaltenen Kohlenstoffs rezykliert und gelangt in
Humusform zurück in den Boden. Adaptiert nach Bütler (2006).

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