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Im Schweizer Wald hat die Totholzmenge zugenommen

Fichtenbestand ohne Totholz
In vielen Wäldern des Mittellandes gibt es aus ökologischer Sicht zu wenig tote Bäume. Insbesondere dickes Totholz ist immer noch Mangelware.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)
 
Bergwald mit viel Totholz
Wesentlich besser sieht es in den Alpen aus, wo die Wälder teilweise nur schlecht zugänglich und deshalb weniger intensiv bewirtschaftet sind.
Foto: Thomas Reich (WSL)

In den letzten Jahren haben die Totholz-
mengen im Schweizer Wald erfreulich zugenommen. Das wachsende Interesse an Holzenergie nährt jedoch die Befürchtung, dass die Totholzmengen in unseren Wäldern wieder abnehmen könnten. Ein Kompromiss im Interessenkonflikt Energieholznutzung vs. Totholzförderung ist deshalb anzustreben.

Insgesamt gesehen findet man in den europäischen Wirtschaftswäldern nur sehr geringe Mengen an Totholz:

In Frankreich sind es zum Beispiel nur selten mehr als 5m3/ha. In 75% der französischen Wälder ist gar kein Totholz vorhanden und in 90% weniger als 5m3/ha. Zum Vergleich: europäische "Urwälder" weisen Werte zwischen 60 und 120 m3 auf, wobei es stellenweise wesentlich mehr, aber auch weniger Totholz haben kann. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die durchschnittlichen Totholzmengen in den Wirtschaftswäldern einiger europäischer Länder (Quelle: Vallauri et al. 2003, verändert).


Totholzmenge (m3/ha)
Belgien 3.3 Durchschnitt (Wallonien)
Deutschland 1 à 3 Durchschnitt (Bayern)
Finnland 2-10 Durchschnitt für die Wirtschaftswälder
Frankreich 2.2 Landesdurchschnitt
Frankreich 6.7 Durchschnitt (Savoyen)
Schweden 6.1 Landesdurchschnitt
Schweden 12.8 Durchschnitt für die nördlichen Gebiete
Schweiz  siehe  unten
 

In der Schweiz variieren die Totholzmengen je nach Region, was durch die Vielfalt der Landschaften und die Art der Bodennutzung zu erklären ist. Die Totholzmengen sind im Schweizer Wald aber im Vergleich zu den Zahlen aus obiger Tabelle generell deutlich höher.

Wie intensiv eine Waldfläche genutzt wird, hängt von ihrer Funktion und ihrer Zugänglichkeit ab. Im Mittelland ist der Totholzvorrat mit Durchschnittswerten zwischen 10 und 17 m3/ha am tiefsten (Abb. 1). Trotzdem sind diese Werte erfreulich, wenn man bedenkt, dass Wissenschaftler dort in den 90er Jahren nur 5 m3/ha zählten (zweites Landesforstinventar, LFI2 – 1992-1995). Auch im Alpenraum haben die Werte in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen. Dort gibt es wesentlich grössere Totholzvorräte, sehr oft mehr als 20 m3/ha im Durchschnitt. In den Westschweizer Voralpen wurden sogar schon bis zu 44 m3/ha Totholz ermittelt. Die Totholzvorräte in den Schweizer Alpen gehören europaweit zu den höchsten, was auf den verhältnismässig grossen Anteil von unzugänglichen Waldgebieten zurückzuführen ist.

Gemäss dem dritten Schweizerischen Landesforstinventer LFI3 (Brändli und Abegg 2009) beträgt der Totholzvorrat im Schweizer Mittel 18,5 m3/ha, wovon unter Abzug von Gipfelbrüchen etwa 8,0 m3/ha auf stehendes Totholz (Dürrständer) entfallen. Wenn man die teils schon zersetzten toten Bäume ohne erkennbare Baumart miteinbezieht, resultiert ein Totholzvolumen von 21,5 m3/ha. Daneben finden sich noch Holzerntereste, liegende Bäume unter der LFI-Kluppschwelle von 12 cm sowie Astmaterial. Unter Berücksichtigung des gesamten Totholzes ab 7 cm Durchmesser ergibt sich eine Totholzmenge von 32,8 m3/ha.

Totholzvorrat Schweiz
(davon stehend, mit Gipfelbrüchen)
(davon stehend, ohne Gipfelbrüche)
18,5 m3/ha
(10,8 m3/ha)
(  8,0 m3/ha)
Totholzvolumen Schweiz
(Kluppschwelle 12 cm, ohne Holzerntereste, Astmaterial)
21,5m3/ha
Totholzmenge Schweiz
(ab 7 cm Durchmesser, mit Holzernteresten, Astmaterial)
32,8 m3/ha

Obwohl dieser Durchschnittswert zu den höchsten in Europa zählt, sind die regionalen Unterschiede beträchtlich. Wichtig für die Erhaltung der Artenvielfalt sind nicht nur regionale Mittelwerte, sondern auch die Verteilung des Totholzes. Dieses dürfte sich zu einem erheblichen Teil auf Schadenflächen des Orkans "Lothar" konzentrieren und in gewissen Gebieten (z. B. Neuenburger Jurawälder) fast fehlen.

Totholzvorrat (m3/ha) nach Wirtschaftregionen
Abbildung 1 - Totholzvorrat nach Wirtschaftregionen mit Angabe des einfachen
Standardfehlers der Stichprobenerhebung. (Quelle LFI3
, 2004-2006)
 

In den Wirtschaftswäldern des Schweizer Mittellands fehlen alte Bäume

alte Eiche
Obwohl die Lebenserwartung einer Eiche mehrere Hundert Jahre beträgt, wird sie im Wirtschaftswald in der Regel im Alter von 150 Jahren gefällt.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)

Damit ein biologisches Kontinuum gesichert und die Versorgung mit Totholz langfristig gewährleistet ist, müssen in einem grösseren Waldgebiet Bäume aller Altersklassen und Grössen sowie Totholz aller Abbauphasen vorkommen. In solchen Wäldern finden seltene Vögel, Fledermäuse und unzählige weitere Tiere einen Lebensraum.

In Naturwäldern findet man meistens eine grosse Zahl ausgewachsener, sehr alter Bäume. Ganz anders sieht die Situation in den Wirtschaftswäldern aus. Durch die Bewirtschaftung ist dort der Lebenszyklus des Waldes stark verkürzt. Im Mittelland erreicht die durchschnittliche Umtriebszeit (Zeitspanne zwischen Baumkeimung und Holzschlag) eines schlagweisen Hochwaldes beispielsweise kaum die Hälfte der Lebensdauer eines natürlichen Waldes.

Verschiedene Baumarten würden von Natur aus eine sehr hohe Lebensdauer erreichen. Diejenigen Bäume, die es ins Kronendach eines Waldes schaffen, können mehrere hundert Jahre alt werden. Es gibt beispielsweise über 500-jährige Eichen, aber auch zahlreiche andere Baumarten erreichen Alter von mehreren Hundert Jahren (siehe Höchstalter der Baumarten).

Als Folge der Waldbewirtschaftung entsteht in manchen Regionen aus ökologischer Sicht ein Defizit an alten Bäumen. Die folgende Karte (Abb. 2) aus dem Landesforstinventar (LFI2 – 1993-1995) zeigt den Prozentsatz der über 160 Jahre alten Bestände in den verschiedenen Landesteilen der Schweiz. Im Gegensatz zum Alpenraum gibt es im Mittelland kaum Bestände, die älter als 160 Jahre sind.

Anteil der Bestände älter als 160 Jahre
Abbildung 2 - Prozent der Waldbestände über 160 Jahre.
(Quelle: LFI2 1993-1995)
 

Aufgrund der unterschiedlichen Höhenlage und Kontinentalität kommen in den Alpen andere Baumarten und andere xylobionte (holzbewohnende) Organismen vor als im Mittelland. Wenn man auch diejenigen Totholzbewohner erhalten möchte, die nur im wärmeren Flachland vorkommen (z.B. Hirschkäfer), ist es deshalb von entscheidender Bedeutung, dass es nicht nur in den Alpen, sondern auch im Mittelland ausreichend Totholz und alte Bäume gibt.

Je dicker, desto besser

Zahlreiche xylobionte Arten sind auf alte, dicke Bäume und Totholz starker Dimensionen angewiesen. In der Schweiz bevorzugen zum Beispiel die Spechte die dicken Bäume; eine Vorliebe, die sie mit Pilzen, Flechten und Moosen zu teilen scheinen. Es leuchtet ein, dass ein Schwarzspecht einen minimalen Baumdurchmesser benötigt, um darin seine Jungen aufzuziehen. Entscheidend ist also nicht nur die absolute Totholzmenge, sondern vor allem auch die Dimension des toten Holzes. mehr dazu

In der Schweiz hat sich die Situation in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr verbessert: aus dem dritten Schweizerischen Landesforstinventar (LFI3) geht hervor, dass sich die Zahl der Baumriesen (BHD über 80 cm) zwischen 1983 - 1985 (LFI1) und 2004 - 2006 (LFI3) – also innerhalb von 20 Jahren – fast verdoppelt hat. Im europäischen Raum verfügt die Schweiz heute über den verhältnismässig grössten Anteil von mehr als 120 Jahre alten Waldbeständen (23%).

Weiterführende Publikationen und Links