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Alte Bäume mit Habitatstrukturen (Habitatbäume)

Arbre-habitat
Diese uralte Eiche mit ihren knorrigen Ästen, Moosbewuchs und Baumhöhlen ist ein Habitatbaum wie er im Buche steht!
Foto: Ulrich Wasem (WSL)
 
Kasten Habitatbaum
 
Cavité
Foto: Rita Bütler (WSL)

Alte Bäume bieten saproxylischen Organismen eine grosse Vielfalt an Habitatstrukturen, so etwa Höhlen, Rinden oder abgestorbene Äste. Besuch bei einem Habitatbaum:

Habitatbaum

Jedem Specht seine Höhle

Der Eingang zur Höhle des Kleinspechts weist einen geringen Durchmesser von rund 3 cm auf, während Mittelspecht, Buntspecht, Grauspecht und Grünspecht mittelgrosse Öffnungen von rund 4–6 cm Durchmesser ausmeisseln. Der Schwarzspecht als grösster Vertreter dieser Gattung zimmert grosse, rund 50 cm tiefe Bruthöhlen mit einer weiten Öffnung von rund 9–13 cm.

Höhlen

Höhlen sind in Stämmen oder abgestorbenen Ästen alter Bäume und in stehendem Totholz (Windbruch) vorzufinden. Diese Habitatstrukturen beherbergen zahlreiche Organismen mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen: Zunächst zimmern primäre Höhlenbewohner wie der Specht Höhlen. Danach können sich dort sekundäre Höhlenbewohner einnisten, darunter Eulen und Käuze und zahlreiche andere Vögel, aber auch gewisse Fledermausarten und ein paar weitere Säugetiere wie etwa der Baummarder. Rund zwei Drittel der den sekundären Höhlenbewohnern zur Verfügung stehenden Hohlräume werden von Spechten ausgemeisselt. In der Regel halten sie sich an bereits durch saproxylische Pilze geschwächte Bäume.

Die restlichen Höhlen entstehen von selbst durch Fäulnis infolge von Wachstumsstörungen oder wegen diverser Zwischenfälle und Verletzungen. Die verschiedenen Höhlenbewohner haben ganz präzise Ansprüche bezüglich ihrer Höhle. Diese Vorlieben betreffen den Durchmesser beziehungsweise die Form der Eingangsöffnung, die Grösse der Höhle, ihre Ausrichtung und den Abstand zum Boden.

Im Grossen und Ganzen weist die ideale Höhle ein Eingangsloch auf, das gerade gross genug ist, um den Bewohner einzulassen, sowie eine ausreichende Tiefe, damit das Nest für die Pfoten oder den Schnabel eines Räubers unerreichbar bleibt. Zudem ist sie in genügender Höhe angelegt, was sie Prädatoren gegenüber weniger anfällig macht.

Höhlen als limitierender Faktor für Höhlenbrüter im Wirtschaftswald

In den bewirtschafteten Wäldern Europas hat sich dank des Aufhängens von Nistkästen die Dichte gewisser Populationen von sekundären Höhlenbewohnern verzwanzigfacht. In naturbelassenen Wäldern hingegen haben Nistkästen im Allgemeinen keinen Einfluss auf die Vogel-
gemeinschaften, weil andere Faktoren die Populationen begrenzen.

Der Mulm, der sich durch Zersetzung des Holzes und Ansammlung von Exkrementen am Höhlenboden bildet, wird von weiteren Lebewesen, den sekundären Höhlenbewohnern, besiedelt. Die Entstehung einer Mulmhöhle dauert oft Jahrzehnte. Deshalb zählt diese zu den seltensten und für gewisse hoch spezialisierte Arten dennoch unentbehrlichen Habitatstrukturen. Beispielsweise verbringt die Larve des Eremiten mehrere Jahre in Mulmhöhlen.

Die verschiedenen Entwicklungsstadien einer Mulmhöhle sind:

Entwicklungsstadien einer Spechthöhle
 
Abgestorbene Äste
Branches mortes sur arbre vivant
Abgestorbene Äste an lebender Buche: ein idealer Habitatbaum.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 
Blessure d’écorce et tapis de mousse
Rindenverletzung und Moospolster.
Foto: Sarah Meier
 
Tapis de lierre
Efeubewuchs
Foto: Sarah Meier
 
Cavité de souche
Höhlen am Stammfuss.
Foto: Thomas Reich (WSL)

Abgestorbene Äste sind ein hervorragender Lebensraum für Insekten, insbesondere für Käfer, die eine warme und trockene Umgebung benötigen (thermophile Arten). Vögel auf Nahrungssuche fliegen gerne die toten Äste an, weil diese ein ausgiebiges Mahl an den vorhandenen Insekten versprechen. Und je nach Zerfallsstadium des Holzes entwickeln sich auf den toten Ästen Pilze: Auf wenig zersetztem Holz ist der Gemeine Spaltblättling (Schizophyllum commune) anzutreffen, während Porlinge wie etwa der Schwarze Birken-Feuerschwamm (Phellinus nigricans) oder der Rostbraune Feuerschwamm (Phellinus ferruginosus) typisch sind für fortgeschrittenere Stadien des Abbaus. Spezifische Flechtenformationen sind ebenfalls von den Lebensraumbedingungen abhängig. Zu den typischen auf Rinden abgestorbener und gut besonnter Äste lebenden Arten zählen Lecanora pulicaris, Lecanora chlarotera und Pseudevernia furfuracea.

Ein toter Ast kann, sofern er gross genug ist, wiederum selber Habitatstrukturen (z.B. Höhlen) aufweisen.

Rindenverletzungen

Rindenverletzungen sind eine bevorzugte Eingangspforte für Pilze, deren Sporen vom Wind verfrachtet werden. Verletzungen begünstigen auch die Besiedlung des Baumes durch zahlreiche Insekten, die sich von Saftaustritten ernähren oder die auf Totholzpilze spezialisiert sind, wie dies beim Scharlachroten Pilzkäfer (Endomychus coccineus) der Fall ist. Grossflächige Rindenverletzungen kommen auch den Vögeln zugute: Einige Arten nisten unter teilweise abgebrochener Rinde, andere verstecken dort ihr Futter oder ernähren sich von den vorhandenen Insekten und Pilzen. Bestimmte Flechtenarten entwickeln sich vorzugsweise auf freigelegtem Holz (Candelariella xanthostigma, Physcia tenella, Xanthoria parietina).


Risse

Auch Risse, manchmal durch Blitzschläge verursacht, stellen Verletzungen des Stammes dar. Genauso wie Rindenverletzungen begünstigen sie die Entwicklung von Pilzen. Die Besiedlung durch einen Pilz führt dazu, dass der Riss von saproxylischen Käfern und von anderen Insekten in Beschlag genommen und der lange Prozess der Holzzersetzung in Gang gebracht wird. Grosse, tiefe Risse werden auch von Fledermäusen oder Vögeln besucht.

Flechten- und Moospolster,  Efeubewuchs

Auf Habitatbäumen wachsen oft Efeulianen, Flechten und Moospolster, die sich sogar zu grossflächigen "Teppichen" ausweiten können. Moose und Flechten beherbergen zahlreiche Insekten, die den Vögeln insbesondere im Winter als Nahrung dienen. Der Efeu seinerseits bietet sowohl Vögeln als auch Insekten zusätzliche Mikrohabitate. Umwuchert er einen Baum jedoch allzu dicht, kann sich dies insofern negativ auf Fledermauspopulationen auswirken, als dadurch der Zugang zu den Höhlen erschwert wird.

Rindenpilze

Rindenpilze zeichnen sich durch einen Fruchtträger (Karpophor) aus, der sich über mehrere Jahre hinweg entwickelt und das Auftreten von Holzfäulen begünstigt. Sie können anderen mycophagen Pilzen, die also selbst von Pilzen leben, als Substrat dienen. Auch für viele spezialisierte Insekten stellen Rindenpilze eine Nahrungsquelle dar. Dies ist etwa beim Baumschwammkäfer (Litargus connexus), beim Rotfleckigen Faulholzkäfer (Tritoma bipustulata) oder beim Scharlachroten Pilzkäfer (Endomychus coccineus) der Fall.

=> mehr zum Echten Zunderschwamm

Höhlen am Stammfuss

Höhlen im  Bereich  des Stammfusses entstehen meist als Folge von Rissen oder Löchern. Die Neigung des Baumes und das Stadium seines Zerfalls bestimmen, ob sich die Baumhöhle zu einem terrestrischen oder zu einem aquatischen Mikrohabitat entwickelt (vgl. Dendrotelme). Eine Höhle, deren Öffnung nach oben offen ist, füllt sich permanent oder periodisch mit Regenwasser. Vergrössert sich der Hohlraum mit der Zeit, wird die Baumhöhle zu einem potenziellen Habitat für Fledermäuse oder andere Säugetiere.

Hohler Baum

Ein hohler Baum wird von Fledermäusen sehr geschätzt, genauso von gewissen Vogelarten wie etwa dem Waldkauz. In einem hohlen Baum sind in der Regel mehrere mit Mulm gefüllte Strukturen vorzufinden, in denen spezialisierte Käfer wie beispielsweise der Veränderliche Edelscharrkäfer (Gnorimus variabilis) leben.

Zwiesel

Ein Zwiesel geht auf eine Zweiteilung des Stammes zurück (Y-frömig). Er begünstigt die Ansammlung von Mulm auf der Oberseite, in dem sich höhlenbewohnende Käfer wie der Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) wohlfühlen. Das dort entstehende feuchte Mikrohabitat fördert die Entwicklung von Pilzen und Flechten.

Stockausschlag

Der Austrieb mehrerer Stämme aus dem selben Wurzelstock wird als Stockausschlag bezeichnet. Er tritt zumeist nach dem Fällen eines Baumes auf, indem sogenannte "schlafende Knospen" am Stamm zum Austreiben angeregt werden. Der Hang zum Stockausschlag ist stark baumartenspezifisch, zum Beispiel stark bei Eiche oder Weide, schwach bei Buche und praktisch inexistent bei Fichte. Das gleichzeitige Wachstum der Einzelstämme und die dadurch entstehende Konkurrenz ums Licht führen dazu, dass die Stämme nicht senkrecht nach oben wachsen, sondern oft schräg nach aussen. Die auftretende Spannung im Holz kann zum Auftreten von Rissen führen. 


Austretender Baumsaft

Zuckerhaltiger Baumsaft, der aus Wunden herausdrückt, zieht gewisse Käferarten magisch an. Hirschkäfer lecken beispielsweise gerne an diesem austretenden Saft. Auch bestimmte Flechtenarten wachsen bevorzugt an solchen Stellen.

Links und nützliche Informationen